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Carlos Amorales, Michael Baers, Jeremiah Day, Annika Eriksson, Peter Friedl, Iman Issa, Martha Rosler kuratiert von Christine Würmell
Carlos Amorales, Michael Baers, Jeremiah Day, Annika Eriksson, Peter Friedl, Iman Issa, Martha Rosler curated by Christine Würmell
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Pressemitteilung
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Wie reflektieren KünstlerInnen und ihre Arbeiten das öffentliche gesellschaftliche Leben in Zeiten des beschleunigten sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Wandels? Entwerfen sie Vorschläge, beteiligen sie sich, oder entziehen sie sich, um mit Alternativformen politischer Praxis zu experimentieren und ”Dinge” zu analysieren? Die Gruppenausstellung The pursuit of public happiness? ist als “Parlament der Kunstwerke” konzipiert, welches eine Debatte um zwei Kernfragestellungen inszeniert, nämlich: Was bedeutet politische Gemeinschaft in einer Zeit, in der wirtschaftliche Macht die Souveränität der Nationalstaaten und supranationalen Organisationen wie der UNO zu übertrumpft zu haben scheint und was ist ihre künstlerische Repräsentation?
In times of accelerated social, cultural and economic upheaval, how do artists and their artworks reflect on the public life of societies? Do they design proposals, participate, or do they withdraw to experiment with alternative forms of political praxis and analyse "things"? The group show The pursuit of public happiness? is conceived as a "parliament of artworks," staging a debate around two core questions, namely: What is the meaning of political community at a time when economic power appears to have trumped the sovereignty of nation states and supra-national bodies like the UN and what is its artistic representation?
Der Titel der Ausstellung ist Hannah Arendts “Über die Revolution» entnommen, und wurde sowohl durch einen Kairobesuch 2012, wo Diskussionen über das Buch in der Luft lagen, und dann vor allem durch die «Hannah Arendt Arbeitsgruppe” in Berlin, die von dem Schriftsteller Fred Dewey organisiert wird, inspiriert. Dewey, ein langjähriger Kollege von Michael Baers, Jeremiah Day und mir, stellt fest, dass Arendts Hervorhebung von öffentlichem Glück “entscheidende Bedeutung für Künstler, Schriftsteller, und jeden, der sich mit Darstellung beschäftigt, haben kann. Arendts Betonung zeigt auf, wie privatisiert und ökonomisiert unsere Vorstellung von Glück geworden ist, aber auch wie ein anderer Begriff von Glück, einer, der das Wort öffentlich verwendet, komplexe Repräsentationsfragen verdeutlichen und wieder beleben kann.”
The show'ss title is drawn from Hannah Arendt's "On Revolution," encountered both on a 2012 visit to Cairo where discussions of the book were in the air, and then importantly through the ongoing "Hannah Arendt Reading Group" in Berlin organized by the writer Fred Dewey. Dewey, a long-time colleague of Michael Baers, Jeremiah Day and myself, notes how Arendt's emphasis on public happiness can have "crucial significance for artists, writers, and anyone concerned with representation. It exposes how privatized and economic our notion of happiness has become, but also how a different notion of happiness, one that uses the word public, can clarify and bring to life complex representational questions."
In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verrät der Begriff “des Strebens nach Glück” eine Ambivalenz, die von Hannah Arendt aufgegriffen wird und die sich in “Über die Revolution” auf die Doppelnatur dieses Satzes bezieht.Der Begriff kann als Primat der Rechte des Einzelnen über die eigenen privaten Interessen, wirtschaftlicher und sonstiger Art verstanden werden oder als das individuelle unveräußerliche Recht, sich an politischen Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Ein politisches Projekt auf diesem dualen Begriff des Glücks als ökonomische/kulturelle Freiheit und das Recht auf Teilnahme an der Politik zu begründen, verwandelte Ideen der Aufklärung von freiem Willen und Autonomie in eine konkrete politische Forderung. “Die Freiheit, für die diese Männer eintraten,” schreibt Arendt, “konnte es nur im Bereich des Öffentlichen geben; sie war eine weltliche, greifbare, von Menschen erstellte Wirklichkeit, und nicht ein Geschenk oder eine der Realisierung harrende Fähigkeit. Sie war in anderen Worten der öffentliche Raum oder die Agora, wie wir sie aus der Antike kennen, der hergestellte, weithin sichtbare Versammlungsplatz freier Männer und somit der Erscheinungsraum der Freiheit überhaupt.”
In the American Declaration of Independence the term "the pursuit of happiness" reveals an ambivalence seized upon by Hannah Arendt, who in "On Revolution" refers to the dual nature of the phrase. It can be understood as meaning the primacy of the individual's right to their own private interests, economic and otherwise, or alternately, as the individual's inalienable right to participate in the political decision-making process. Founding a political project on this dual notion of happiness as economic/cultural freedom and the right to participate in politics transformed Elightenment ideas of free will and autonomy into a concrete political demand. "Freedom for them (the thinker's of the French Revolution)," writes Arendt, "could only exist in public; it was a tangible, worldly reality, something created be men to be enjoyed by men rather than a gift or a capacity, it was the man-made public space or market-place which antiquity had known as the area where freedom appears and becomes visible to all."
Vielleicht sind wir heute mit der gleichen dualen Struktur konfrontiert. Aber die Differenz zwischen dem fortdauernden Einsatz der Glücksbegriffe (in ihrer aus der Zeit der liberalen Revolution stammenden Doppelnatur) als ein zentraler Grundsatz der westlichen Demokratie und der fortlaufenden Aufkündigung des öffentlichen Raumes der Politik (und ökonomischer Mobilität) durch das neoliberale Projekt ist nun sichtbar geworden.
Perhaps today this same dual structure confronts us. But it has become visible now in the gap between the continued deployment of notions of happiness (in the double nature inherited from the period of Liberal revolution) as a central tenet of Western democracy and the ongoing foreclosure of the public space of politics (and economic mobility) by the neoliberal project.
The pursuit of public happiness? sucht, diese Fragen durch neue aber auch durch ältere Arbeiten verschiedener KünstlerInnen zu betrachten. In einer Vielzahl von Ansätzen konfrontieren die beteiligten KünstlerInnen, denen ein Interesse an Diskrepanzen gemein ist, diese Differenz – zwischen gegenwärtigen und vergangenen Nutzungen öffentlichen Raums; zwischen normativen Markierungen demokratischer Subjektivität und anderer marginalisierter politisch-ethnischer Themen; zwischen der Leere der grafischen Sprache in der Parteienpolitik und den ebenso leeren Programmen, die sie anbieten; zwischen in den jeweiligen historischen Epochen neu aufkommenden Begriffen und ihren anschliessenden Wiederholungen.
The pursuit of public happiness? seeks to look at these questions through the work of various artists working in the present, but also past works. Using a variety of approaches, the participating artists confront this gap through a shared concern with discrepancies-between present and past uses of public space; between normative markers of democratic subjectivity and other marginalized politico-ethnic subjects; between the vacuousness of the graphical language employed in party politics and the equally empty programs they offer; between the notions emerging in particular historical epochs and their subsequent iteration.
In Carlos Amorales Video Supprimer, Modifier et Preserver (2012) werden die Grundlage und Regierungsprinzipien der (modernen) Gesellschaft durch performative Intervention untersucht. Verschiedene Anwälte wurden gebeten, in einer Grafitversion des aktualisierten Code Civil Frankreichs, ein Gesetz, das sie für fundamental erachten, zu streichen, zu modifizieren oder zu bewahren. Peter Friedls Videoarbeit Liberty City (2007) kehrt eine historische Episode urbanen Rassismus um (am 17. Dezember 1979 wurde der [farbige] Motorradfahrer Arthur McDuffie angehalten und von einem [weißen] Polizisten in einem in der Roosevelt-Ära gebauten Wohngebiet für afro-amerikanische Einwohner zu Tode geprügelt.) Was wie eine spontane Video-Dokumentation erscheint, ist tatsächlich eine akribisch konstruierte Drama Studie und eine Hommage an die Bewohner von Liberty City. In einem ebenfalls umkehrenden Verfahren porträtiert Martha Roslers Grusskarten Serie (From Our House to Your House (1974-1978)) die Künstlerin in einer Vielzahl von stereotypen weiblichen Rollen, deren ideologischer Natur nicht nur durch die Einbeziehung statistischer Informationen enthüllt wird. Gut drei Jahrzehnte später, bevor Aufstand und Absetzung von Langzeitpräsident Mubarak aus dem Amt möglich schienen, setzt Iman Issa an, um eine minimalistische Posterserie zu konstruieren (Colors, Lines, Numbers, Symbols, Shapes, and Images (2010)), welche die zu diesem Zeitpunkt schon entleerte symbolische Sprache politischer Wahlplakate methodisch sondiert. Für die vierte Episode der Comicserie Concerning Matters to be Left for a Later Date (2009), lud Michael Baers seine Kollegin Annika Eriksson als “Stargast” und Kollaborationspartnerin ein. Sie gab ihm die Aufgabe, Malmøs Folketʼs Park (1891 von der sozialdemokratischen Bewegung gegründet) zu besuchen. Der Besuch stellte den Ausgangspunkt für eine anschliessende Unterhaltung dar, welche die Unvereinbarkeit der utopischen Ursprünge des Parks und Malmøs gegenwärtige “abstumpfende” Atmosphäre addressierte und den Künstler gestehen ließ, nicht zu wissen, was er mit dieser Geschichte anfangen solle. Von einer anderen Art des Scheiterns handelt Jeremiah Days If you want blood (2012). Der Künstler verwendet Objekte, Fotografie und improvisiete Performance für die so bruchstückhafte Erzählung seines erfolglosen Appells an ein privates Unternehmen (LIDL), welches ein ehemals öffentliches Stück Land (ein Teil des Todesstreifens in der Nähe eines Ost- und West-Berlin trennenden Checkpoints) erworben hatte, mit ihm an der Errichtung einer alternativen Gedenkstätte, welche die Zeit kurz nach Mauerfall, die voll Möglichkeiten zu sein schien, zu “kollaborieren.” In ihrer Videoarbeit It did happen soon (2012) untersucht Annika Eriksson Motivation und Verlangen nach Veränderung anhand der nüchternen Schilderung eines (jungen/alten) Erzählers. Die Erzählung ist in einem unklaren Zeitraum angesiedelt, in dem sich Berichte von maßgeblichen Mitgliedern der sogenannten ersten politischen Kommune Deutschlands, der Kommune 1, mit Zitaten aus Science Fiction Romanen vermischen und schliesst mit der desillusionierten Feststellung des Erzählers “Und jetzt, da habe ich schon Jahre nicht mehr geträumt. Und wenn ich geträumt habe, war es so banal, dass ich mich fragte habe, warum ich überhaupt geträumt habe. Wissen sie, letzte Nacht, da habe ich geträumt, dass ein Papier runtergefallen ist und ich habe es wieder aufgehoben.”
By means of performative intervention, the foundation and governing principles of (modern) society are under scrutiny in Carlos Amorales (born 1970 in Mexico City) video Supprimer, Modifier et Preserver (2012) where different lawyers were asked to erase and modify a law they considered fundamental in a graphite version of the updated French Civil Code. Peter Friedl’s (born 1960 in Oberneukirchen, Austria) video work Liberty City (2007), (just) reverses the roles in an historical episode of urban racism (which took place in 1979 in a Roosevelt era built neighborhood for African-American residents). What appears as spontaneous video-documentation, is actually a meticulously constructed drama study. In a similarly recursive mode, Martha Rosler's (born 1943 in Brooklyn, New York) series of holiday cards (From Our House to Your House (1974-78)) portrays the artist in a variety of stereotypical feminine roles whose ideological nature is rev ealed not only by the inclusion of statistical information. Over three decades later, before the uprising and removal of long-term president Mubarak from office seemed possible, Iman Issa (born 1979 in Cairo) sets out to construct a set of minimal posters (Colors, Lines, Numbers, Symbols, Shapes, and Images (2010)) methodically probing the by then emptied out symbolic language of political election posters.
Christine Würmell
Christine Würmell
Die Ausstellung wurde mit großzügiger Unterstützung von Eidotech und Team ermöglicht.
This exhibition was made possible with the generous support of Eidotech and team.
© Copyright 2014 ARRATIA BEER. All Rights Reserved
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info (at) arratiabeer.com
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